Romantisierung des Selbstmords?

Veröffentlicht auf von Paramantus

Im Süden von Wales haben sich bis vor einiger Zeit innerhalb eines Jahres 17 Jugendliche das Leben genommen. Die Gründe dafür wurden hinterher bekannt: Liebeskummer, Schulprobleme, Stress mit Freunden. Und nicht nur mir stellt sich folgende Frage dabei: "Geht's noch?!"

Bei spiegel.de gibt es dazu einen Artikel, der diese Frage noch verstärkt:

"Die Frage allerdings, warum die jungen Leute in Bridgend keinen anderen Ausweg sahen, als sich das Leben zu nehmen, bleibt. Experten vermuten, dass das öffentliche Gedenken an die toten Jugendlichen den Suizid romantisiert und andere dazu ermutigt, sich das Leben zu nehmen. [...] Der Umgang mit dem Thema ist schwierig: Nur eine Auseinandersetzung mit den Selbstmorden, so die Hoffnung, kann die Situation für die Jugendlichen in der Gegend verbessern, auf ihre Verzweiflung, aber auch auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Zu viel Öffentlichkeit für die Opfer kann allerdings einen gegenteiligen Effekt haben."

Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, dann wäre wirklich ein alternativer öffentlicher Umgang mit Selbstmordfällen nötig. Wie wäre es z.B. damit: Bei einer groß angelegten Trauerfeier in Gedenken an, sagen wir mal Kevin, ergreift eine Person des öffenlichen Auftretens das Wort und hält folgende Rede:

Wir haben uns heute hier versammelt um Kevin zu Gedenken und Abschied von ihm zu nehmen. Im Namen aller Anwesenden spreche ich seiner Familie, seinen Freunden und allen, denen er am Herzen lag mein tiefstes Beileid aus. Wir werden Kevin niemals vergessen und ihn stets als einen jungen fröhlichen Mann in Erinnerung behalten, der vom Leben gebrochen und zu Grunde gerichtet wurde.
Es ist mehr als tragisch, dass der Tod in der heutigen Zeit immer häufiger zu einem Freund mutiert, der die Lösung für alle Probleme bereitstellt. Der Tod gibt jungen Menschen die Möglichkeit ihrem Peiniger, dem Leben, einen Strich durch die Rechnung zu ziehen. Auch Kevin freundete sich mit dem Tod an und befreite sich mit einem Schlag von all seinen Sorgen.
Kevin, wenn du uns zuhörst: Ich hoffe du schmorst in der Hölle! Du egoistischer kleiner feiger Bastard. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Du meintest deine Probleme waren schlimm? Überall in der Welt sterben Menschen an Krankheiten, Krieg, Hunger, Durst und du bringst dich um, weil deine Freundin dich verlassen und du 5 Absagen vom Arbeitsamt bekommen hast? Wer hätte gedacht, dass der Horizont eines Menschen so niedrig sein kann. Du hattest dein Leben noch vor dir, du dummer Junge. Mit deinem Selbstmord hast du dir jeglichen Respekt verspielt. Jeder, der an deinem Grabstein vorbeigeht, wird den Kopf schütteln und leise murmeln, wie naiv du warst. Du solltest dich schämen! Hinterlässt Menschen, die dich geliebt und als Bereicherung ihres Lebens betrachtet haben. Wie tröstest du sie? Schlägst du ihnen etwa vor deinem Beispiel zu folgen? Wir sind alle enttäuscht von dir, Kevin. Niemand hätte gedacht, dass du so ein Idiot sein kannst und eine dermaßen infantile Weltanschauung besitzt. Leb wohl. Du Freak.

Vielleicht nicht gerade pietätvoll, aber bei solch einer Rede könnte keiner mehr von einer Romantisierung des Selbsmords sprechen und Jugendliche würden es sich u.U. zwei mal überlegen, ob sie einem Selbstmörder nacheifern wollen.

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Paramantus 12/01/2008 16:38

Mit Psychologie setze ich mich im Studium schon genug auseinander. Danke...
Man sollte trotz allem nicht aus den Augen verlieren wozu dieser Beitrag dient, nämlich meine Meinung über Selbstmörder - insbesondere vor dem Hintergrund der beschriebenen Fälle in Wales - widerzugeben. Nicht mehr und nicht weniger.

Koolteeth 12/01/2008 16:32

Zunächst setzen die Japaner den Suizid gleich mit z.B. einem "Unfall". Nicht ich. Dann dient deren Kultur nur als Vergleich, nicht als Ideal (du kannst gerne schreiben, was die Dschungelvölker machen um einen Vergleich herzustellen und damit unsere Handlungsweisen schärfer zu definieren - dazu dient ein Vergleich)!

Kennst du den Begriff "Affekt"? Ich empfehle dir außerdem, dich ein bisschen mit Psychologie auseinanderzusetzen. Sehr interessant! (versteh diese Anregung nicht falsch, ich halte dich nicht für ungebildet! Ich kenne dich schließlich nicht.)

Greetz, Koolteeth

Paramantus 12/01/2008 12:46

Nein, Selbstmord ist nicht mit einem Unfall gleichzusetzen. Egal wie groß das Unglück ist, das einen Menschen in den Suizid treibt - man hat immer eine Wahl.

Über Selbstmörder herzuziehen finde ich daher keienswegs problematisch. Und erst recht nicht geschmacklos. Man verurteilt nämlich einfach eine aus freien Stücken ausgeübte Tat. Über die Opfer eines Autounfalls herzuziehen - das wäre mehr als geschmacklos, aber eine freiwillige Entscheidung kann und darf ich kritisieren. Nur über das "wie" kann man sich höchstens streiten, aber im Endeffekt bleibt auch das "wie" jedem selbst überlassen.

Nebenbei finde ich den Verweis auf die japanische Kultur zwar äußerst interessant, aber für diese Umstände hier völlig irrelevant. Europa ist nun mal nicht Japan.
Genauso gut könnte ich ja auch in die Diskussion einwerfen, dass gewisse südamerikanische Dschungelvölker Teile ihrer Toten aufessen, um deren Kraft in sich aufzunehmen...

Koolteeth 11/30/2008 16:33

Deine Rede ist wirklich fernab von jeder Romantik! Gut gemacht! Aber sie ist auch geschmackl- und respektlos. Der Redner wäre wohl selbst ein Freak!

Soviel nur eben dazu. In anderen Kulturen, zum Beispiel in Japan hat der Suizid einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Er wird anerkannt als ehrenhafter Ausweg aus Problemen (aus der Samurai-Tradition stamment). Und dennoch wird dieses althergebrachte Verständnis nicht dazu benutzt, den Suizid zu romantisieren. Der Suizid ist ein Schicksalsschlag wie jeder Unfall etc auch. Er verursacht Trauer und Schmerz. Steht aber kategorisch nicht anders als ein Unfalltod. Er wird nicht gesellschaftlich (und vor allem wie bei uns religiös) verteufelt.

Wenn du bei einer Trauerfeier eines Suizid-Opfers(Täters (wie du's willst)) dabei warst, dann wirst du übrigens feststellen, dass die Redner keineswegs entschuldigen oder gar romantisieren. Teilweise kommt die tatsächlich die Aussage, dass derjenige nur eben keinen Anspruch mehr auf göttliche Gnade hat. Sicherlich nicht so, wie du es formulierst "schmor in der Hölle". Aber ebenso verständlich.

Dein Zynismus entspricht also der alltäglichen Praxis auf christlichen Friedhöfen. Wie immer ist die Realität viel gnadenloser, als du es dir vorstellen kannst.

Der Mensch, ein Wesen, welches nur in den seltesten Fällen von Vernunft getrieben wird, neigt gerne dazu, Kurzschlussreaktionen hervor zu bringen. Scheiße, wenn diese in Mord/Totschlag oder Selbstmord enden, da es dann für mindestens einen Menschen auf jeden Fall zu spät ist, die Reaktion zu bereuen. Und die hohe Zahl derer, die nach einem misslungenen ernsthaften Suizidversuch nicht einen zweiten gestarted haben, spricht dafür, dass sie bereuen! Ich denke, kurz bevor der Zug gegen dich hämmert oder du auf dem Asphalt aufschlägst, wirst du dir sagen, Scheiße! Was mach ich den da für einen Bockmist!!? - und BATZ ist es zu spät.

Wie ich sehe, ist es einfacher über diese Menschen zu reden und herzuziehen, wenn sie tot sind. Der Sündenbock ist schnell genannt und kann sich nicht mehr wehren. Aber auch das ist typisch Mensch. Auch das Wegschauen beherrschen wir sehr gut. Solange, bis die Kacke am Dampfen ist. Und dann muss wieder ein Sündenbock für unsere Feigheit herhalten.

Einen Selbstmörder als feige zu bezeichnen halte ich deshalb für problematisch. Und es wirkt auf mich mindestens genauso feige.

Ich bin immer sehr froh und mir bewusst darüber, dass ich einen starken Charakter habe, dass ich Freunde und Verwandte habe, mit denen ich reden kann und die mir helfen. Sei froh, wenn es dir genauso geht und genieße es! Aber fang nicht auch noch an, die zu beschimpfen, denen dieses Glück verwährt geblieben ist. Leider gibt es davon viel zu viele auf unserer realen Welt.

Kein Tod ist gut!